Redakteur Blog-Redaktion

17.07.2017

Debattenabend: Alles digital, oder was?

AirBnB, Uber, Netflix und Zahlungsverkehr via Smartphone – die Digitalisierung unseres Alltags ist längst in vollem Gange. Auch in der Energiewirtschaft ist die Digitalisierung bei zahlreichen Prozessen bereits Standard. Sicher ist, dass dies nur der Anfang von fundamentalen Veränderungen in der Branche ist. Nicht nur, dass die Energiewende das traditionelle Kerngeschäft radikal verändert hat und dabei etablierte Geschäftsmodelle in Frage gestellt worden sind. Gleichzeitig drängen neue, branchenfremde Akteure in den Markt. Diese besitzen zwar keine eigenen Kraftwerke oder Netze, haben aber sehr wohl neue Ideen und das Know-how, sich in der digitalen Welt hervorragend zurechtzufinden.

Die Energiewende ist ein Generationenprojekt. Alles, was wir heute in Sachen Energiewende angefangen haben, werden unsere Kinder und Enkel fortführen müssen. Wer ist eigentlich diese Generation Y, jene nach 1980 geborene, die scheinbar völlig selbstverständlich mit der „neuen digitalen Welt“ aufgewachsen sind? Werden die Digital Natives zu den neuen Treibern einer (digitalen) Energiewende?

Hochkarätige Experten beim Debattenabend am Donnerstag

Das ist eine der vielen Fragen beim nächsten Debattenabend, zu dem die Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg am kommenden Donnerstag einlädt. Unter dem Titel „Alles digital – oder was? Wie sieht die Energielandschaft der Zukunft aus?“ diskutieren Dr. Steffi Burkhart, Generation Y Expertin, Professor Dr. Werner Tillmetz, Mitglied des Vorstands beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW), Harm-Berend Wiegmann, Referent für Energiepolitik und im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, sowie Uli Huener, Leiter Innovationsmanagement bei der EnBW. Wir hatten Gelegenheit, Dr. Steffi Burkhart vorab einige Fragen zum Thema zu stellen.

Interview mit Generation-Y-Kennerin Dr. Steffi Burkhart

Dr. Steffi Burkhart als Impulsgeberin beim Debattenabend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg. Foto: www.steffiburkhart.com / Florian Schacken

Dr. Steffi Burkhart als Impulsgeberin beim Debattenabend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg. Foto: www.steffiburkhart.com / Florian Schacken

DEZ-Blog: „Alles digital – oder was? Ist das eine gute Nachricht oder eine beunruhigende Feststellung?

Dr. Steffi Burkhart: Ich beantworte das aus der Brille der jungen Generation: Für uns, die Generation Y, die ab 1980 geborenen, gibt es keine Trennung mehr zwischen analog und digital. Für uns ist sowohl das eine als auch das andere Realität. Die heute 50- bis 60-Jährigen kennen noch das Leben einer rein analogen Realität, diese Generation wird oft auch als „Digital Immigrants“ bezeichnet. Die Digital Natives dagegen, also die Generation Y sowie die Generation Z, die Jahrgänge 1995 bis 2010, kennen eine rein analoge Realität gar nicht. Für uns ist es demnach auch keine beängstigende oder beunruhigende Situation, sondern normal. Wir sind aufgewachsen mit der Tatsache, dass es zwei Wege gibt: Den analogen und den digitalen Weg. Das hat uns von Kindheit an geprägt und demnach gehört das zur Lebensrealität dazu.

Oft wirkt es so, als wäre die Digitalisierung ganz unerwartet um die Ecke gebogen. Warum ist der Begriff „Digitale Transformation“ so ein mediales Schreckgespenst?

Wir haben es heute mit einer unglaublichen Beschleunigung auf dem Markt zu tun. Einer der Treiber ist die Digitalisierung. In Deutschland haben wir einen äußerst bürokratischen Apparat und viele Menschen befanden sich lange Zeit in einer vergleichsweise trägen Marktsituation. Dagegen steht die Tatsache, dass die Welt immer volatiler, unsicherer und komplexer wird. Zusammenfassend: Die Welt ist heute viel dynamischer. Das hat zur Folge, dass ein hoher Beschleunigungs- und Innovationsdruck auf den Organisationen lastet. Das merkt jede Branche in Deutschland. Wir haben hierzulande die erste digitale Welle verschlafen, weil wir uns nicht bewusst waren, was international bereits passiert im Kontext der Digitalisierung. Um ein Beispiel zu nennen: Amazon hat einen immensen Einfluss auf die Handelsindustrie. Anderes Beispiel: Uber, die den Taximarkt verändern. Das sind alles Akteure aus dem Ausland. Jetzt auf einmal merken wir, was es für eine Herausforderung ist, solche digitalen Treiber in Deutschland zu etablieren und der digitalen Welle nicht nur reaktiv, sondern aktiv zu begegnen.

Ein Angstfaktor im Zuge der Digitalisierung sind übrigens die Startups. Gerade im „WWW“ (World Wide Web) kommen digitale Nerds und junge Top-Absolventen an den Start, die plötzlich zu ernstzunehmenden Wettbewerbern für die großen, traditionellen Tanker werden. Auch die großen Tanker in der Energiebranche müssen sich darauf neu einstellen, dynamisch, agil und schnell zu reagieren. Was den Startups viel leichter gelingt, v.a. in puncto Geschwindigkeit, müssen die großen Konzerne erst lernen.

Viele junge Leute streben nach Sicherheit

Ist die Generation Y besser qualifiziert für die Jobs von Morgen?

Nein, leider nicht. Ich würde sogar behaupten, dass wir es fast versäumt haben, die Generation Y auf die neue Realität auszubilden, zu schulen und zu entwickeln. Die Bildungssysteme haben bislang immer noch sehr traditionell ausgebildet. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, die Generation Z, die jetzt noch in der Ausbildung ist, besser vorzubereiten. Es entstehen derzeit neue Hochschulen, wie beispielsweise die privat geführte UX in Berlin oder die Coding University, die versuchen, Bildung auf die neue Zukunft auszurichten. Aber auch in diesem Bereich passiert noch zu wenig. Wenn man digitale Könner ins Unternehmen holen will, stellt man schnell fest: Es gibt gar nicht so viele gut ausgebildete IT-Experten, auch nicht unter den jungen Jahrgängen. Deswegen kann man auch den Trend beobachten, dass große Unternehmen zunehmend mit Startups kooperieren oder Labs einrichten, wo die jungen IT-Experten, die keine Lust auf feste Anstellungen in den traditionellen Unternehmen haben, zumindest auf diese Weise kooperativ zusammenarbeiten, wenn schon nicht in fester Anstellung.

Es gibt in diesem Zusammenhang ein großes „Aber“: Als erste Generation, die digital affin aufwächst und digitale Tools intuitiv nutzt, heißt das noch lange nicht, dass wir die digitale Welt besser beherrschen. Bloß weil wir Anwender sind, verstehen wir das digitale Alphabet nicht automatisch. Und nicht alle Vertreter der Generation Y sind so agil, wie es die Startups vermuten lassen: Eine aktuelle Ernst&Young-Studie hat gezeigt, dass 30 Prozent der jungen Menschen eine Anstellung im öffentlichen Dienst anstreben. Außerdem lässt sich beobachten, dass sich so einige junge Leute zurückziehen in ein konservatives Wertesystem, weil sie sich ziemlich unter Druck gesetzt fühlen von dieser dynamischen Realität und den Unsicherheiten im Arbeitsmarkt, dem zunehmenden Wettbewerbs- und Leistungsdruck, der mitunter aufgrund der Internationalisierung entstanden ist. Nicht alle kommen mit bei diesem Tempo. Und wer von der Generation Z hat schon im Studium gelernt, mit dieser zunehmenden Unsicherheit umzugehen geschweige denn Kompetenzen in der selbständigen Organisation? All dies ist nicht vermittelt worden.

Wir aus der Generation Y sind die erste Generation, die künftig mehrere Phasen durchlebt: Vollzeit- und Teilzeitanstellung wechseln sich ab mit Auslandsaufenthalten, Phasen der Selbständigkeit, Sabbaticals und auch komplette Branchenwechsel – alles Optionen, die zur Verfügung stehen. Viele sind darauf aber nicht vorbereitet – die dafür erforderliche Selbstkompetenz wird bislang im vorhandenen Bachelor- und Mastersystem viel zu wenig geschult.

Generation Y ist umweltbewusst und denkt global

Die Energiewende ist ein Generationenprojekt und über Jahrzehnte angesetzt. Frühestens 2050 erreichen wir die Ziele, die für Deutschland formuliert sind, zugunsten von mehr Klimaschutz und eines neuen Energiesystems, welches ohne Kernkraft und ohne Kohlekraftwerke auskommen soll. Was denkt die Generation Y über das „Projekt Energiewende“?

Ich denke schon, dass wir als junge Generation sehr offen dem gegenüberstehen. Wir sind aufgewachsen mit einem Bewusstsein für Mülltrennung, dem grünen Punkt, mit Energiesparlampen, mit Mehrwegflaschen – das hat uns geprägt. Wir sehen wie dringlich und wichtig es ist, weltweit relevante Problemfelder anzupacken, damit wir nicht unseren Planeten mittel- oder langfristig zerstören. Keine einzelne Generation kann das allein in Angriff nehmen, wir müssen das gemeinsam angehen. Aber wir sind auch skeptisch – sowohl Unternehmen als auch der Politik gegenüber. Wir haben oft genug erlebt, dass eben nicht immer mit Weitblick gehandelt wurde, um den nachfolgenden Generationen etwas Gutes zu tun.

Nachhaltiges Handeln braucht Freiräume

Das Thema Energiewende ist eng verknüpft mit dem Aspekt Nachhaltigkeit, welchem die Generation Y gegenüber sehr offen ist. Gerade kürzlich war ich auf einer Veranstaltung einer Volks- und Raiffeisenbank, die ihr Geschäftsmodell erweitert hat, um der Nachhaltigkeit mehr Bedeutung zu geben. Das entstand durch ein Projekt junger Leute, die Ideen entwickelt haben und diese jetzt schrittweise umsetzen. Angefangen von Energiesparmaßnahmen bis hin zu E-Bikes als Mobilitätsangebote für die Mitarbeiter sowie Kfz-Finanzierungen, die daran gekoppelt sind, sich zunächst mit Hybrid- und E-Modellen zu befassen, bevor eine finale Kaufentscheidung stattfindet. Es gibt eine E-Ladesäule, einen CO2Emissions-Beauftragten, Papier wird standardmäßig nur noch doppelseitig ausgedruckt – die Bandbreite der Maßnahmen ist groß und die Ergebnisse positiv messbar.

Auch die Möglichkeiten, die mit der Digitalisierung im Energiesystem einhergehen, eröffnen gerade jungen Menschen neue Optionen, sich für die Energiewende zu engagieren: Im Smart Home kann ich mit meiner App viel effektiver prüfen, ob ich sparsam mit Energie umgehe, als ohne digitale Features. Wir müssen alle anpacken, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, um damit den Energiewende-Zielen näher zu kommen – gemeinsam, über alle Generationen hinweg.

Was können aus Ihrer Sicht die älteren Generationen von der Generation Y lernen?

Das ist kontextabhängig. Viele junge Leute kommen mit einer gewissen Grundnaivität in die Unternehmen und trauen sich, das Trial- und Error-Prinzip anzuwenden. Nach dem Motto „Wir haben Ideen, wir lernen aus dem Scheitern“. Aber, das muss man auch sagen, es gibt ausreichend junge Menschen, die sich das überhaupt nicht zutrauen. Meiner Meinung nach hängt das mit der Ausbildung zusammen: Wenn wir schon ab dem ersten Semester Credit-Points als Maßstab ansetzen und damit schon von Beginn an darüber entscheiden, wie der Abschluss aussieht und der Masterstudiengang überhaupt noch als Chance zur Verfügung steht: Da traut sich keiner mehr, zu experimentieren. Das sehe ich bei meinen Studenten aktuell immer wieder. Wir müssen Freiräume geben, auszuprobieren, Mut zu haben und Risiken einzugehen – daraus lernen wir und entwickeln uns.

Vielen Dank für das Gespräch.

Teilnahme am Debattenabend für Leserinnen und Leser des Blogs und Livestream

Der Debattenabend „Alles digital, oder was?“ findet am Donnerstag, den 20. Juli abends in Stuttgart in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof statt. Für die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind wie immer einige Plätze reserviert. Alternativ können Sie den Debattenabend ab 19 Uhr live im Internet verfolgen.

So können Sie teilnehmen: Bitte schreiben Sie in beiden Fällen bis spätestens Mittwoch, 19. Juli eine Mail an: energieundklimaschutzBW@enbw.com. Anschließend erhalten Sie mehr Infos bzw. die URL für die Liveübertragung.