Gastautor Prof. Dr. Erik G. Hansen (Leuphana Universität Lüneburg)

06.05.2015

Energiewende durch Innovation und Unternehmertum

Die Energiewende in Deutschland ist der weltweit einmalige Versuch einer bedeutenden Industrienation, auf Basis ambitionierter politischer Zielsetzungen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen drastisch zu verringern und negative Umweltwirkungen zu vermeiden. Instrumente dazu sind die klassischen drei Umweltstrategien:

  1. Konsistenz – die Förderung von erneuerbaren Energien (z.B. Solar-Photovoltaik und -thermie);
  2. Effizienz – Effizienzverbesserungen von Technologien und Prozessen (z.B. effiziente Heiztechnik); und
  3. Suffizienz – die Veränderung von Bedürfnissen seitens der Verbraucher (z.B. niedrigere Raumtemperatur).

Die Energiewende ist eine große Herausforderung für alle beteiligten Akteure: Politik, Unternehmen und Haushalte. Dabei wird häufig die Politik in den Vordergrund gestellt – die Rolle von Unternehmen als „Akteure“ der Energiewende bleibt vergleichsweise unterrepräsentiert oder wird nur einseitig beleuchtet.

Unternehmerische Energiewende auf zwei Ebenen

In Bezug auf Unternehmen kann die Energiewende auf zwei unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden:

(1) Auf der ersten Ebene werden Unternehmen zunächst hinsichtlich ihrer Rolle als Verbraucher – aber zunehmend auch Produzent – von Energie (Strom, Wärme, Kraftstoffe) betrachtet, der unmittelbar von den Auswirkungen der Energiewende betroffen ist. Fälschlicherweise wurde die Energiewende zuletzt weitgehend auf eine Kostendebatte reduziert, da Teile der Unternehmen (und Haushalte) von steigenden Energiekosten betroffen sind. Einige Vorreiter-Unternehmen haben sich jedoch zur Aufgabe gemacht, die Energiewende im eigenen Unternehmen selbst pro-aktiv voranzutreiben und so davon zu profitieren. Dabei wird dies sowohl von einer Vision der Unabhängigkeit, Energie-Autarkie als auch Klimaneutralität angetrieben. Oder noch ambitionierter: Beispielsweise hat die J. Schmalz GmbH, ein Weltmarktführer für Vakuum-Technologie aus Baden-Württemberg, sich nach umfassenden betrieblichen Investitionen in Energie-Effizienz und erneuerbare Energien zu einem „Positiv-Energie-Unternehmen“ entwickelt – es wird vom Betrieb mehr Energie produziert als verbraucht.1 Die Firmeninhaber sehen dies als Investition in ihre unternehmerische Unabhängigkeit, Unternehmensreputation und damit letztendlich auch Wettbewerbsfähigkeit an. Die PMK-Pflegedienst GmbH, ein Kooperationspartner des Innovations-Inkubators der Leuphana Universität Lüneburg, produziert Solarenergie auf den Dächern des Betriebs und betreibt damit eine wachsende E-Mobil-Flotte – nicht nur um Betriebskosten zu sparen, sondern sich auch hinsichtlich Mitarbeiter, Kunden und dem lokalen Umfeld als innovatives und nachhaltiges Unternehmen zu positionieren.

Schmalz GmbH, Energiewende

(2) Auf der zweiten Ebene wird die Energiewende aus Innovationsperspektive betrachtet. Dies betont die marktlichen Chancen, die durch die großen Veränderungen aufgrund der Energiewende im Speziellen und der ökologischen Herausforderungen des Klimawandels im Allgemeinen entstehen. Welche neuen Technologien, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die einen signifikanten Beitrag zur stärkeren Diffusion von erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und Suffizienz leisten, können entwickelt und erfolgreich vermarktet werden? Es ist also die klassische Tugend von Unternehmern (sowohl im Mittelstand, Großunternehmen und Start-Ups) gefragt: Großen Herausforderungen durch Investitionen in Forschung und Entwicklung gepaart mit kreativen Problemlösungsprozessen zu begegnen und Huhle Stahlbaudamit neue Lösungen am Markt anzubieten oder neue Märkte überhaupt erst zu entwickeln. Das junge Unternehmen DZ-4 beispielsweise verfolgt ein neues Geschäftsmodell für die Eigenstromversorgung durch Bündelung von PV-Anlagen und Ökostrom-Lieferung. Aber natürlich geht es nicht nur um Unternehmen der Energiebranche. Das Unternehmen Huhle Metall- und Stahlbau aus Hessen hat beispielsweise die Kernkompetenzen aus dem Metallbau genutzt, um ein Geschäftsfeld für Produkte und Dienstleistungen für kundenindividuelle Photovoltaik-Konstruktionen (s. Bild) aufzubauen.2

Derartige Innovations- und Gründungsvorhaben sind mit hoher Unsicherheit behaftet – teilweise höher als bei konventionellen Innovationsprozessen – da meist unklar ist, wie sich politische Rahmenbedingungen entwickeln, wie schnell sich Einkaufspräferenzen verändern, welche technologischen Optionen sich langfristig durchsetzen werden, und wie sichergestellt werden kann, dass Innovationsvorhaben tatsächlich einen positiven ökologischen Beitrag leisten und somit erst erfolgreich zur Energiewende beitragen („Richtungssicherheit“). Pioniere sind dabei immer wieder bereit, Hürden zu überwinden und unternehmerisches Risiko zu übernehmen, um die damit verbundenen Chancen wahrzunehmen und gesellschaftliche Veränderungen anzutreiben.


Referenzen
1 Schmalz (2013). Nachhaltigkeitsbericht. Schmalz ecoSYSTEM. J. Schmalz GmbH: Glatten, Germany.
2 Hansen, E. G. und  Klewitz, J. (2012). The Role of an SME’s Green Strategy in Public-Private Eco-innovation Initiatives: The Case of Ecoprofit. Journal of Small Business and Entrepreneurship, 25(4), 451–477.
Redaktionelle Hinweise:
Das vollständige Profil von Prof. Dr. Erik G. Hansen finden Sie hier.