Moderator Hubertus Grass

12.10.2017

EVS30: In Stuttgart war die Zukunft zu Gast

Über 200 Vorträge in mehr als 50 Veranstaltungen, 1.700 Teilnehmer aus 58 Ländern: The 30th International Electric Vehicle Symposium & Exhibition (EVS30) machte Stuttgart von Montag bis Mittwoch zur „Welthauptstadt der Elektromobilität“, wie es Ministerpräsident Winfried Kretschmann treffend in seiner Eröffnungsrede sagte. Die EVS gibt es schon lange. Bereits im Jahr 1969 kamen Wissenschaftler mit dem Fokus Elektromobilität zum ersten Mal in Phoenix, Arizona, zusammen. In Düsseldorf fand 1976 die 4. Konferenz statt. Nach Berlin, 2001, war Stuttgart der dritte deutsche Tagungsort der Branche, die derzeit wächst wie keine zweite.

Eigentlich waren es drei Veranstaltungen, die auf dem Messegelände in Stuttgart die Zuhörer anlockten: Die EVS mit ihrem umfangreichen wissenschaftlichen Programm und der Begleitmesse wurde ergänzt durch das Brennstoffzellenforum f-cell und die BATTERY + STORAGE. Da kam zusammen, was zusammen gehört.

Dass es sich bei der EVS nicht um ein x-beliebiges Symposium handelt, wurde schon in der Begrüßungssession offenbar. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hielt ebenso eine Eröffnungsrede wie der für Energie zuständige EU-Kommissar Maroš Šefčovič  sowie Staatssekretär Georg Schütte aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Und auch Ola Källenius, im Vorstand der Daimler AG für Forschung zuständig, nutzte die Gelegenheit der Eröffnung, um zu zeigen, wie hart der Konzern an der Elektromobilität arbeitet.

Die weltweit spannendste Industrie

In Baden-Württemberg wurde das Auto erfunden. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Wertschöpfung, die durch die Autoindustrie erzielt wird, so hoch wie in diesem Bundesland. Daher machen die derzeitigen Entwicklungen die Region verwundbar. Ministerpräsident EVS30 MP KretschmannKretschmann ist das bewusst. Er kennt die Herausforderungen: Die Zukunft der Mobilität hat mehr Facetten als den Ersatz des Verbrennungsmotors durch einen elektrischen Antrieb. In seiner kurzen Einführung steckte er das Feld ab: Das Auto verliert bei der Jugend seinen Wert als Status-Symbol. Die Digitalisierung macht Car-Sharing zur komfortablen Alternative des Besitzens und Elektroantriebe für Fahrräder und Roller machen in der Stadt das Auto überflüssig, um individuell von A nach B zu kommen. Zur Mobilität von morgen gehöre das autonom fahrende, emissionsfreie Auto ebenso wie der Radschnellweg. Kretschmann sieht in der Mobilität „die spannendste Industrie weltweit.“

Sowohl der Ministerpräsident als auch die Vertreter der deutschen Industrie gaben immer wieder ihrer Zuversicht Ausdruck. Deutschland werde auch im globalen Wettbewerb der Elektromobilität eine führende Rolle spielen werde. Zuweilen klang es wie das Pfeifen im Walde…

Was auf der EVS30 deutlich wurde

  • Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass dem elektrischen Antrieb die Zukunft gehört.
  • Die Zukunft hat schon begonnen. Wahrscheinlich haben wir den Tipping-Point gerade erlebt. Die (schon begonnene) Disruption der Märkte läuft langsamer ab als bei den Smartphones und der digitalen Fotografie, weil die Nutzungsdauer und die Entwicklungs- sowie die Produktionszyklen länger sind.
  • Vorbehaltlich überraschender Entdeckungen gehört dem Lithium-Ionen-Akku die Zukunft. Er hat eine evolutionäre Entwicklung hinter und vor sich, die ihn preiswert und effizient gemacht hat – und weiter machen wird.

    EVS30 - Daimler zeigt Hybrid

    Daimler setzt auf den Hybridantrieb.

  • Lag der Preis 2010 noch bei 600 Euro pro Kilowattstunde (kWh) Ladekapazität werden wir bald Preise unter 100 Euro pro kWh sehen.
  • Im öffentlichen Raum wird allein die Schnellladesäule überleben. Die Erfahrungen aus Norwegen, wo elektrische Antriebe einen Marktanteil von 20 Prozent haben, zeigen, dass schnelle DC-Anschlüsse (Gleichstromladung) nötig sind, um den Bedarf zu decken. AC-Ladung (Wechselstrom) wird dem Einsatz am Haus oder der Wohnung vorbehalten bleiben.
  • Auch in der Betrachtung der gesamten Prozesskette ist die Elektromobilität ökologisch der richtige Schritt in die Zukunft. Das bedeutet auch, dass an den Themen Rohstoffgewinnung, -einsatz und Recycling sowie Weiterverwertung weiter geforscht und gearbeitet werden muss. (Die Vorträge zu diesem Themenstrang waren auf der EVS30 überbucht!)
  • Eine Null-Emissionsstrategie auf Basis von Wasserstoff und Brennstoffzelle oder CO2 – neutralem Gas hat gute Chancen im Langstrecken- und Schwerlastverkehr, bei Schiffen und vielleicht in der Luftfahrt.
EVS30 - ein Blick über die Messe

Ein Blick auf die Begleitmesse der EVS30.

Elektromobilität steigert die Lebensqualität

  • Die zusätzlichen Belastungen, die durch die Elektromobilität für die Netze entstehen, sind zu meistern: Der durchschnittliche Autofahrer wird pro Tag 8 kW nachtanken müssen. Die Steigerung der Nachfrage durch die CO2–neutrale Umstellung des Sektors Wärme wird die Netze vor weitaus größere Herausforderungen stellen als die Elektromobilität.
  • Mit der Elektromobilität wird die Nachfrage nach Fotovoltaik in Deutschland wieder wachsen. Der Durchschnittsfahrer kann mit einer Fläche von 20 m2 PV auf dem Dach theoretisch seinen gesamten zusätzlichen Strombedarf für eine Fahrleistung von 12.000 Kilometer pro Jahr decken.
  • Mit dem Durchbruch der Elektromobilität verbindet sich ein Gewinn an Lebensqualität. Den werden wir in den urbanen Zentren an den Hauptverkehrsadern wahrnehmen, wenn der Geräuschpegel sinkt. (Ein Tipp eines Insiders: Jetzt preiswerte, weil zu laute Wohnungen in der Innenstadt erwerben. Deren Preise werden Dank Elektromobilität und der dann einkehrenden Ruhe steigen.)

Ein Anbieter fehlte, war aber allgegenwärtig

Auf der EVS30 waren alle vertreten, die über Elektromobilität etwas zu sagen haben. Alle? Ein Unternehmen fehlte. Aber nicht in den Gesprächen. Tesla ist und bleibt derzeit der Maßstab in der Welt der automobilen Elektromobilität. Autos bauen, das können wir in Deutschland. Aber Zellen haben wir nicht drauf. 35 Prozent des Wertes eines Elektro-Autos entfallen auf den Akku. Von diesem machen die Zellen wiederum 80 Prozent der Wertschöpfung aus.

Das bedeutet: Deutschland wird einen Anteil von 28 Prozent an der automobilen Wertschöpfungskette verlieren, wenn nicht bald etwas geschieht. Der Aufbau einer Zellproduktion braucht mindestens einen Zeitraum von sechs Jahren. Aber das beantwortet noch nicht die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit dieses Industriezweiges. Dass eine Reichweite in der Größenordnung von 500 Kilometern in der Mittelklasse schon in wenigen Jahren Standard sein werde, hörte man auf der EVS30 häufiger. Leider nicht von den deutschen Herstellern. In Stuttgart war die Zukunft zu Gast. Die deutsche und die europäische Automobilindustrie werden hart daran arbeiten müssen, auch in Zukunft noch ein bedeutender Teil von ihr zu sein.

Als am Mittwoch die EVS30 zu Ende ging, trafen sich in Brüssel europäische Politiker und Branchenvertreter der Automobil- und auch der Chemieindustrie zum „Batteriegipfel„. Ziel der Veranstaltung: Man will die Beihilferegelung der EU aufweichen, um eine europäische Zellproduktion aufzubauen.

Mehr Zahlen und Stimmen zur Konferenz finden Sie in der Pressemitteilung der Veranstalter.