Gastautor Dr. Thomas Unnerstall (Selbständiger Berater und Autor)

18.09.2017

Mythos „Dezentralisierung“

Seit ein, zwei Jahren ist es fast ein Allgemeinplatz, dass die Zukunft der deutschen Energiewirtschaft von den drei Treibern Dekarbonisierung, Digitalisierung und Dezentralisierung beherrscht wird. Aber während Dekarbonisierung und Digitalisierung unumstritten sind, ist das weitere Schicksal der Dezentralisierung alles andere als eindeutig.

Der erste Blick spricht ohnehin nicht für einen Trend „Dezentralisierung“: die ökonomischen Skaleneffekte – Hauptgrund für die Größe der konventionellen Kraftwerke (500-1.000 MW) – gelten ja auch für die erneuerbaren Energien (EE): PV-Strom aus einer 5 MW-Anlage mit zurzeit 6-7 ct/kWh Subventionsbedarf ist sehr viel kostengünstiger als PV-Strom aus einer 5 kW-Dachanlage mit aktuell 12-13 ct/kWh EEG-Vergütung. Dasselbe gilt sehr wahrscheinlich auch für die Energieinfrastrukturelemente wie z. B. Speicher und P2G-Anlagen, die in der Zukunft gebraucht werden.

Da die Kosteneffizienz der Energiewende von herausragender Bedeutung ist (insbesondere auch um die weitere gesellschaftliche Akzeptanz des Projektes zu gewährleisten), müsste man daher prima facie beim weiteren Ausbau der EE den Großanlagen den klaren Vorzug geben – also gerade nicht einem Trend „Dezentralisierung“ folgen.

Drei wesentliche Aspekte der Debatte

Aber warum gibt es dann das Thema Dezentralisierung? Hier die wichtigsten Aspekte bzw. Argumente:

  • Platzbedarf/Bevölkerungsdichte

Der Platzbedarf von EE-Kraftwerken ist viel höher als der von konventionellen Kraftwerken. Während ein konventionelles Kraftwerk von 1.000 MW mit Nebenanlagen eine Fläche von etwa 1 km² erfordert, sind es bei einem 1.000 MW PV-Kraftwerk etwa 30 km² und bei einem 1.000 MW Windpark sogar über 100 km² (wobei die landwirtschaftlichen Flächen zwischen den einzelnen Windrädern weiterhin nutzbar sind). In einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland sind diese Größenordnungen kaum darstellbar.

De facto bewegen sich die großen EE-Anlagen in Deutschland daher typischerweise in der Größenordnung von 1-50 MW. Eine in erster Linie auf PV und auf Wind beruhende Stromerzeugungslandschaft ist notwendigerweise viel kleinteiliger und in diesem Sinne auch „dezentraler“ als der bisherige konventionelle Kraftwerkspark.

  • 1,6 Mio. PV-Anlagen

Dezentralisierung

Machen viele kleine PV-Anlagen die Energiewende unnötig teuer?

Einige 1.000 oder 10.000 Windparks und PV-Freiflächenanlagen sind aber sicherlich nicht das, was mit „Dezentralisierung“ als bestimmendem Treiber der Energiewende eigentlich gemeint ist. Gemeint ist vielmehr die Entwicklung hin zu Millionen von PV-Dachanlagen (bald – so die Vorstellung – ergänzt durch ähnlich viele kleine Batteriesysteme in Hauskellern). Und gemeint ist die Entwicklung hin zum „Prosumer“, zu Millionen von Kunden, die Strom selbst produzieren und so eine ganz neue Art der Energiewirtschaft entwickeln könnten.

Zunächst zu den 1,6 Mio. kleinen PV-Anlagen. Diese sind:

  1. Systemisch nicht erforderlich: Hätte das EEG im Jahr 2000 oder 2004 die PV-Anlagen erst ab einer Leistung von z. B. 100 kW gefördert, wäre die Energiewende in Deutschland fast genauso abgelaufen – wahrscheinlich gäbe es heute 10-20 TWh EE-Strom weniger, aber der EE-Ausbau insgesamt und damit die Energiewende im Stromsektor läge dennoch eindeutig im Zielkorridor.
  2. Sehr teuer: Die bis heute besonders üppige Förderung von PV-Anlagen< 100 kW durch das EEG war extrem teuer. Gäbe es diese Anlagen nicht, so hätten etwa 120 Mrd. € an Energiewendekosten gespart werden können (19 TWh x 32 ct/kWh x 20 Jahre). Auch für die Zukunft ist der o. g. Skaleneffekt bei der PV signifikant. Wenn jetzt beim weiteren Ausbau zehn Jahre lang statt 600 MW/a – wie im EEG 2017 vorgesehen – 1.600 MW/a Freiflächenanlagen und entsprechend weniger kleine Dachanlagen zugebaut würden, so würde das aus heutiger Sicht ca. 10 Mrd. € Kosten sparen (10 TWh x 5 ct/kWh x 20 Jahre).
  3. Sozial ungerecht: Die 120 Mrd. € werden zu einem guten Drittel von den 39 Mio. Haushalten bezahlt, die eben keine PV-Anlage auf dem Dach haben (zum größten Teil, weil sie in Mietshäusern wohnen). Das bedeutet, dass 97 % der deutschen Haushalte für ein Privileg zahlen, das 3 % der sozial in der Regel ohnehin besser gestellten Haushalte sowie Landwirten und Gewerbebetrieben zugutekommt. Damit ist auch das Argument nicht überzeugend, dass diese Möglichkeit der aktiven Partizipation an der Energiewende die gesellschaftliche Akzeptanz befördere.
  4. Quersubventioniert: In dieselbe Richtung weist auch die Tatsache, dass sich seit etwa 2012/2013 PV-Dachanlagen < 10 kW – und in der absehbaren Zukunft PV + Batterie-Systeme – nur deshalb rechnen, weil (erhebliche Teile des Stromes selbst genutzt und) die anderen Stromkunden mehr NNE und mehr EEG-Umlage zahlen. Das ist ein klarer Fall von (versteckter) Quersubventionierung.

Fazit: Die 1,6 Mio. kleinen PV-Anlagen sind weder technisch-konzeptionell erforderlich für die Energiewende, noch sind sie volkswirtschaftlich sinnvoll, noch fördern sie im Saldo die gesellschaftliche Akzeptanz.

  • Der Prosumer

Aber, so hört man oft, ein wichtiger Aspekt der Energiewende sei doch, dass „der Kunde“ endlich selbst über seine Energieversorgung bestimmen und sich von seinem Energieversorger emanzipieren könne.

Aber erstens geht es bei „dem Kunden“ bisher gerade einmal um etwa 3 % der Bevölkerung. Zweitens geht es schlicht an der Wirklichkeit vorbei zu meinen, diese Kunden seien (in der Mehrzahl) getrieben von Autarkiebestrebungen. Nein, für die überwiegende Mehrzahl der Eigenheimbesitzer – wie auch für die weit überwiegende Mehrheit der Landwirte und Gewerbebetriebe – ging und geht es bei der Frage der eigenen PV-Anlage (also bei der Energieversorgung) um Kosteneinsparung und um Rendite, nicht um die Energie selbst.

Was ist das volkswirtschaftliche Optimum?

Eine auf erneuerbaren Energien basierende Stromerzeugung ist – in Deutschland, nicht unbedingt in anderen Ländern – notwendigerweise viel kleinteiliger, daher von weit höherer Akteursvielfalt geprägt und in diesem Sinne deutlich „dezentraler“ als die konventionelle Stromerzeugung. Daraus folgt aber weder, dass diese Stromerzeugungslandschaft so kleinteilig sein muss, wie es zur Zeit faktisch der Fall ist; noch folgt daraus, dass die Stromerzeugung in der Zukunft immer kleinteiliger werden sollte. Mit anderen Worten: Dezentralisierung als fortschreitender Trend ist für die Energiewende weder erforderlich noch per se vorteilhaft.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, prinzipiell für große („zentrale“) Systeme und gegen kleinere („dezentrale“) Systeme zu argumentieren. Es geht nur darum, die kostspielige Bevorzugung der kleinen Systeme vor allem im PV-Bereich zu beenden. Allgemeiner geht es darum, bei der Energiewende das volkswirtschaftliche Optimum anzustreben, d. h. die Kosten zu minimieren und damit auch auf längere Sicht den gesellschaftlichen Konsens zu erhalten. Dabei sollte die Energiepolitik technologieoffen sein, auch bzgl. der Frage großer oder kleiner Systeme.

Anders ausgedrückt: Wenn die zukünftige technologische Entwicklung so ablaufen sollte, dass in zehn oder 20 Jahren mit sehr kleinen Systemen in Einfamilienhäusern, Mietshäusern und Gewerbebetrieben die Energieversorgung volkswirtschaftlich am günstigsten dargestellt werden kann, dann – aber nur dann – wird und muss „Dezentralisierung“ tatsächlich ein wesentliches Merkmal der Energiewende und der Energiezukunft sein.

___________________________________________

Redaktionelle Anmerkung: Wir haben das Bündnis Bürgerenergie gebeten, auf diesen Gastbeitrag zu antworten. Wir freuen uns, wenn auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, in diese Debatte Ihre Position via Kommentar einbringen.

Den Debattenbeitrag von Martin Rühl vom Bündnis Bürgerenergie finden Sie hier.