Redakteurin Melanie Peschel

20.07.2017

Energiewirtschaft ist in Fragen der Partizipation nicht vorbereitet

Partizipation ist kein Buzzword und auch kein Trend, obwohl der scheinbar inflationäre Gebrauch das vermuten lässt. Aber nicht alles, was medial intensiv thematisiert wird, enttarnt sich als Hype: Oft sind es die leider halbherzigen Angebote, die zu einer Verwässerung führen. Am Beispiel „Bio“ lässt sich das gut verdeutlichen: Anfang der 2000er Jahre hat der Anspruch, vermehrt Bio-Lebensmittel zu konsumieren, dazu geführt, dass ein immens großer Anbietermarkt entstanden ist. Biosiegel ohne Ende sind das Ergebnis – und damit auch der Siegeldschungel, in dem keiner mehr durchblickt. Das ein oder andere schwarze Schaf unter den Bio-Anbietern hat den Begriff „Bio“ entwertet – aber keineswegs die Sache und den Anspruch, der dahinter steckt.

Partizipation ist kein Buzzword

Ähnlich wird es der Partizipation gehen, das lässt sich heute schon absehen. Bürgerdialog, Partizipation – wir haben es mit einem semantischen Saatgut zu tun, welches zunächst stark im politischen (Um)feld Früchte trug und nun vermehrt auch in der Wirtschaft zu wachsen beginnt.

Gerade in der Energiewirtschaft, die sich im Umbruch befindet hin zu einem neuen Verständnis von Anbieter-Kunden-Beziehung, ist die Partizipation mehr als nur „guter Ton“, der sich gerade gehört. Die Tatsache, dass sich eine Prosumer-orientierte Energiewirtschaft entwickelt, bedeutet, dass Partizipation zum inhärenten Bestandteil wird, Menschen am Energiesystem der Zukunft mitwirken zu lassen.

Dringend Möglichkeiten schaffen zur Partizipation

"Partizipation" - ohne geht es nicht: Das Energiesystem der Zukunft ist stärker regionalisiert, vielfältig vernetzt und partizipativ (Bild: SmartGridsBW, C/sells)

Das Energiesystem der Zukunft ist stärker regionalisiert, vielfältig vernetzt und partizipativ (Bild: SmartGridsBW, C/sells)

Dafür muss die Energiewirtschaft aber dringend die Möglichkeiten zu einer umfassenden Partizipation schaffen. Die Menge an sinnvollen Partizipations-Angeboten wird künftig zur Erfolgskennzahl und zum Differenzierungsmerkmal am Markt. Gute Aussichten gibt es für jene, denen es gelingt, Geschäftsprozesse zu etablieren, die eine verzahnte Einbindung von Prosumenten vorsehen, anstelle einer nur kommunikations- und dialog-basierten Einbindung.

Digitale Transformation gelingt nicht ohne Partizipation

Die Digitalisierung in der Energiewirtschaft führt mitunter zum Ausbau von Smart Grids. Dank der intelligenten Energienetze können größere Anteile Erneuerbare in den Übertragungs- und Verteilnetzen IKT-basiert und in Echtzeit gesteuert werden, Erzeugungs-Prognosen schneller korrigiert und Lasten in der erforderlichen Geschwindigkeit verschoben werden. Hier stecken Potenziale für neue Geschäftsmodelle wie regionale Flexibilitätsmärkte, die gerade in der Modellregion C/sells in Süddeutschland erprobt werden.

Beispiele für bereits am Markt existierende Geschäftsmodelle mit hohem Partizipations-Grad sind die Sonnen Community, Caterva, EnBW solar+ oder auch die Lastbörse. Ein Anfang ist erkennbar, aber die Optionsvielfalt ist viel größer. Klingt nach goldenen Zeiten für Businessmodel-Designer.

Bitte nicht: Partizipation ist kein Geschäftszweck

Das große „Aber“: Lasst uns die Partizipation nicht zum Zweck der Geschäftsmodell-Erschließung degradieren. Ihr Zweck – siehe Bio – ist ein anderer: In dem Anspruch steckt der Wunsch vieler Teile unserer Gesellschaft, sich verstärkt und wirksam einbringen zu können. Oder anders formuliert: mehr Selbstbestimmung zu erhalten. Selbstbestimmung, um mehr Handlungsmöglichkeiten zu bekommen, sich mit hohem Wirkungsgrad für den Klimaschutz zu engagieren.

Big Picture im Europa 2030 – Endspurt zum Mitgestalten 

Agora Energiewende hat vor wenigen Wochen eine Studie zum „Big Picture 2030“ vorgestellt, einem Energiesystem, welches in der nahen Zukunft das Bild in Deutschland prägt. Ein anderer Thinktank in Berlin, die Initiative D2030, hat eine Szenario-Landkarte von Deutschland 2030 erstellt – weit über Fragen der Energie hinausgedacht. In beiden Fällen ist eines sicher: 2030 ist nicht die Zukunft, sondern wir stecken schon mittendrin: Wer die Infrastruktur- und Gesellschafts-Landkarte 2030 mitgestalten will, hat nur noch 13 Jahre Zeit, aus Ideen Ergebnisse und daraus neue, funktionierende Strukturen zu schaffen, die etwas bewegen. In einer komplexen Welt ist das ein kurzer Zeitraum. Das gelingt nur gemeinsam – in großer Gemeinschaft mit großen Ideen.