Gastautor Franz Untersteller (Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg)

19.06.2017

Abgeschaltet und jetzt? Rückbau als Herausforderung

In einem großen gesellschaftlichen Konsens hat Deutschland nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 den Atomausstieg beschlossen. So sehr mich das freut, so sehr verstehe ich auch die Sorgen der vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kernkraftwerken um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Ich bin davon überzeugt, dass der langjährige Rückbau der Anlagen und die notwendige Behandlung der hierbei anfallenden Abfälle sehr anspruchsvolle und auch attraktive Aufgaben darstellen, die zahlreichen Unternehmen und deren Personal noch lange ein interessantes Betätigungsfeld liefern werden.

Es ist jedem klar, dass bei einer solch hochkomplexen Anlage wie einem Kernkraftwerk am Tag X nicht einfach der Stecker gezogen und die Belegschaft nach Hause geschickt werden kann. Vielmehr müssen viele Systeme auch nach der endgültigen Abschaltung des Reaktors zunächst weiterbetrieben werden, um die Sicherheit auch während des Nachbetriebs, des anschließenden Restbetriebs und während des Rückbaus zu gewährleisten. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden daher zunächst in ihren angestammten Arbeitsbereichen weiterbeschäftigt werden können. Wenn die abgebrannten Brennelemente aus der Anlage entfernt und im Zwischenlager eingelagert sind, wird sich das erforderliche Kompetenzprofil der Belegschaft weiter in Richtung Strahlenschutz und allgemeiner Ingenieurwissenschaft verschieben. Ausbildungsprofile im Bereich der Nukleartechnik werden in diesem Stadium weniger bedeutend sein.

Der Umgang des Betreibers mit Personal und dessen Fachkunde sowie das Kompetenzmanagement insgesamt unterliegen der Aufsicht. Daher wissen wir, dass in der Nukleartechnik bis zum Jahr 2022 zwar sukzessive weniger Personen neu ausgebildet werden, dennoch gehen wir davon aus, dass es genügend Fachkräfte geben wird. Die Bereiche Ingenieurwissenschaften und Strahlenschutz werden weiterhin als Ausbildungs- oder Studienbereiche attraktiv sein, da die dort vermittelten Kompetenzen für viele weitere Jahre nicht nur beim Rückbau der kerntechnischen Anlagen, sondern auch in anderen Anwendungen, etwa in der Medizin, nachgefragt werden.

Rückbau: Minister Franz Untersteller MdL beim Rückbaustart im Kernkraftwerk Neckarwestheim am 10.04.2017

Minister Franz Untersteller MdL beim Rückbaustart im Kernkraftwerk Neckarwestheim am 10. April 2017

Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wurde im vergangenen Jahr ein Kompetenzcluster „Rückbau kerntechnischer Anlagen“ mit dem Ziel eingerichtet, entsprechende Kompetenzen aufzubauen und die benötigten Fachkräfte aus- und weiterzubilden. Speziell mit der Entwicklung von Technologien, die auf den Rückbau kerntechnischer Anlagen zugeschnitten sind, befasst sich beispielsweise der Lehrstuhl „Rückbau konventioneller und kerntechnischer Bauwerke“, der am KIT am Institut für Technologie und Management im Baubetrieb und am Institut für Nukleare Entsorgung angesiedelt ist. Die dort angebotenen Lehrveranstaltungen bieten Studierenden verschiedener Ingenieurstudiengängen die Möglichkeit, sich tiefergehend mit den technischen und administrativen Anforderungen des Rückbaus zu beschäftigen.

Die für die einzelnen Rückbauprojekte erforderlichen Fachkräfte werden darüber hinaus sowohl von den Betreibern der Anlagen als auch von den am Rückbau beteiligten, teils hochspezialisierten, Firmen anlagen- und aufgabenspezifisch ausgebildet und eingearbeitet. Die Anzahl der im Bereich des Rückbaus kerntechnischer Anlagen und der Abfallbehandlung tätigen Firmen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, wie sich beispielsweise an den Aussteller- und Teilnehmerzahlen entsprechender Messen und Fachtagungen zeigt.

Auch wenn ein Engpass an nukleartechnischem Personal kurzfristig nicht zu befürchten ist, bin ich übrigens der Meinung, dass die Kernkraftwerke möglichst zügig abgebaut werden sollten. Denn neben einer entsprechenden Berufsausbildung sind hierzu auch spezifische Kenntnisse der Anlage notwendig. Und ob dieses Wissen über viele Jahrzehnte aufrechterhalten werden kann, bezweifle ich. Garantiert ist dies jedenfalls nicht.

Technisches Know-how und anlagenspezifische Kenntnisse sind auch im Hinblick auf die Rückbauplanung und das Ziel, den Anfall radioaktiver Abfälle zu verringern, enorm wichtig. Mit modernen Verfahren lassen sich kontaminierte Bauteile gezielt dekontaminieren und damit die Mengen an radioaktivem Abfall, der später in einem Endlager zu entsorgen ist, teilweise erheblich reduzieren. Hier gilt es, etablierte Techniken zu optimieren und neue Techniken zu entwickeln.

Bei alledem darf nicht außer Acht bleiben, dass die Gesamtzahl der Beschäftigten an den Standorten der kerntechnischen Anlagen im Zuge der Stilllegung und des Rückbaus abnehmen wird. Dies kann sich auch auf die lokale Wirtschaft auswirken. Die betroffenen Gemeinden sind deshalb gut beraten, möglichst frühzeitig eine Perspektive für den Standort zu entwickeln.