Moderator Hubertus Grass

20.04.2017

War watt? Vom Energieversorger zum Energieunternehmen

Das waren noch Zeiten. Der Energieversorger, der in den siebziger Jahren ein Kraftwerk baute, konnte ziemlich genau ausrechnen, welche Rendite er bis zum Jahre 2000 machen würde. An verlässlichen Daten für die Planung herrschte kein Mangel. Für die Monopolisten im Versorgungsgebiet waren Begriffe wie Wettbewerb und Konkurrenz unbekannte Fremdwörter. Überraschungen waren so gut wie ausgeschlossen. Und wenn sie dann in Gestalt von Atomkraftwerken, die gebaut wurden und mangels Sicherheit nie ans Netz gingen, doch einmal auftraten, wurden die Kosten der Fehlplanung den ahnungslosen Kunden in Rechnung gestellt. Die innere Kultur der Energieversorger glich bis in unser Jahrtausend hinein eher dem öffentlichen Dienst als dem eines echten Unternehmens. Diese Zeiten sind mit dem Zuschlag, den die EnBW für den Offshore-Windpark „He Dreiht“ erhalten hat, nun endgültig vorbei.

Energieversorgung war über Jahrzehnte ein sicheres und langfristig kalkulierbares Geschäft. Weil nur die Politik gelegentlich Einfluss auf die Regeln nahm, waren die Drähte zwischen den Managern der Versorger und der Politik kurz. In der Kommune ebenso wie im Land und im Bund. Die Verflechtungen sind legendär.
Energie erzeugen, Energie verteilen und ganz eng mit der Politik zusammen arbeiten: Auf diesen drei Säulen stand das Geschäftsmodell. Mit unternehmerischem Handeln, das ja immer auch von Weitsicht, Gespür, Marktnähe, enger Kalkulation und nicht zuletzt von Risikobereitschaft geprägt ist, hatte dieses Geschäftsmodell nichts zu tun. Als 1998 die Märkte für Strom und Gas auf Betreiben der EU liberalisiert wurden, hatte dies noch keinen nennenswerten Einfluss auf die Versorger, die zuvor mit aktiver Hilfe der Politik die Gesellschaften und Gebiete arrondiert hatten.

Hoch reguliert, eng verzahnt mit der Politik

Weder der 2000 zwischen Politik und Versorgern vertraglich geregelte Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie noch die Einführung des EEG schien die Stellung der großen wie der kleinen Versorger am Energiemarkt zu erschüttern. Obgleich der Atomausstieg seit 1986 eine stabile Mehrheit in der Gesellschaft hatte, glaubte die Energiewirtschaft sich diesem Trend entgegen stellen zu können. Man verdiente in diesem Geschäft mit den sicheren Renditen überaus gut. Aber andererseits, so glaubten die kleinen und großen Manager, hatte man auch viel für die Gesellschaft getan. Es waren eben nicht nur einige wenige böse Kapitalisten, die auf den Energiemärkten mehr als auskömmlich verdienten. Nein, die Gewinne wurden breit gestreut. Da sind zunächst die Beschäftigten, die auch heute noch in der Energiewirtschaft mehr verdienen als in anderen Branchen. Selbst der Koch in der Betriebskantine des Versorgers konnte bei seiner Gehaltsabrechnung sehen, dass die Energiewirtschaft viele partizipieren ließ. Geld erhielten nicht nur die Kommunen, die über einen eigenen Versorger (Stadtwerke) verfügten oder über Aktien an einem der großen beteiligt waren. Auch über die Konzessionsabgabe flossen die Mittel in den städtischen Haushalt. Und nicht zu vergessen das, was die Versorger für die örtlichen Vereine, für den Sport, für die Jugend, für die Kultur etc. taten.

Energieversorger werden über Festpreisgarantie ausgehebelt

Es ist ein Treppenwitz in der Geschichte der Energiewirtschaft, dass jene, die immer den Preis bestimmen konnten, ausgerechnet mit einem Gesetz ausgehebelt werden, dessen Kern eine  Festpreisgarantie ist. Das EEG läutete das Ende des goldenen Zeitalters der Energieversorger ein. Mit seinen über zwei Dekaden kalkulierbaren Renditen passte das EEG ökonomisch eigentlich gar nicht in eine Zeit, in der der Wettbewerb auf dem Energiemarkt in Europa beginnen sollte, Die Versorger, dıe sich dem Markt stellen und lernen sollten,  Unternehmer zu werden, haben gleich die erste Lektion nicht begriffen. Sie haben anfangs nicht einmal geahnt, dass ihnen dieses EEG gefährlich werden konnte. Dieses Gewusel mit den Solar- und Windkraftanlagen war den meisten Energieversorgern viel zu kleinteilig, um sich damit abzugeben. Sie verkannten völlig, dass hier etwas Neues heranwuchs, das ihr klassisches Geschäftsmodell nicht nur infrage stellte, sondern langfristig obsolet machen würde.

EEG = Auskömmliche Rendite plus gutes Gewissen

Was zuvor allein den Versorgern vorbehalten war, gibt es mit dem EEG für alle Bürger: Sichere und gute Renditen über eine lange Laufzeit. Insofern war das EEG auch ein Stück weit eine Demokratisierung eines überkommenen Geschäftsmodells, bei dem nicht der Markt, sondern der Staat die Preise regelt. Und für die engagierten Bürger gab es neben der Rendite obendrein noch das gute Gefühl, für die Umwelt etwas Gutes getan zu haben. Auf anderen Märkten, beispielsweise dem für Fleisch oder fair gehandelte Produkte, lässt sich ablesen, wie klein die Zahl derjenigen ist, die bereit sind für eine Produktentscheidung aus ethischer Überzeugung deutlich mehr Geld zu zahlen. Das EEG schuf die einmalige Möglichkeit, eine mindestens auskömmliche Rendite mit dem guten Gewissen zu vereinbaren. Und das war der erfolgreiche Ansatz.
Durch die Bürger-Energiebewegung sind viele Unternehmen entstanden. Ob dabei immer unternehmerisches Denken mit dem Spiel war, sei einmal dahingestellt. Bürgerenergiegenossenschaften ähnelten ökonomisch und strukturell betrachtet ein wenig dem klassischen Versorger: Dank Festpreis- und Abnahmegarantie muss man sich über mögliche Risiken nicht allzu sehr den Kopf belasten. Investitionen in Anlagen der erneuerbaren Energien sind so sicher wie weiland das Sparbuch.

Prokon-Konkurs als Nagelprobe der Bürger-Energiebewegung

Doch auch die Bürger-Energiebewegung ist den Kinderschuhen entwachsen. Nicht wenige sind heute bereit, für die Vision einer 100 Prozent erneuerbaren Zukunft Kapital in die Hand und Risiken in Kauf zu nehmen. Der Konkurs der Prokon GmbH  war die Nagelprobe für die Bürger-Energiebewegung. In die Gesellschaft hatten Zehntausende investiert in der Hoffnung auf die versprochenen Super-Renditen. Mit der Idee der Gründung einer Genossenschaft war die Bereitschaft gefragt, als (Mit-) Unternehmer in die echte finanzielle Verantwortung zu gehen. Und ca. die Hälfte der 75.000 Gläubiger war dazu bereit. Ein kleinerer Teil ließ nicht nur das Kapital stehen, sondern schoss liquide Mittel zur Finanzierung kommender Projekte nach.

Die EnBW hat in diesem Jahr ein Angebot für einen Offshore-Windpark abgegeben, der erst ab dem Jahre 2025 Strom produzieren wird. Weder lässt sich heute genau kalkulieren, wie hoch der Strombedarf ab 2025 sein wird, noch weiß man, welche anderen Erzeugungsanlagen bis dahin an das Netz gegangen sind. Der Preis für die Kilowattstunde im Jahr 2030? Wer diese Frage auch nur annähernd exakt beantworten kann, ist kein Ökonom, sondern Wahrsager. Die Entwicklung der Marktsituation über einen langen Zeitraum hinaus lässt sich aufgrund von Erfahrung und Sachverstand nur abschätzen. Noch nicht einmal alle Techniken, mit denen in zehn Jahren Strom erzeugt wird, sind heute bekannt. Wer auf Basis einer so unsicheren Datenlage bereit ist, eine so große Investition wie die für einen Offshore-Windpark zu stemmen, der muss verrückt sein. Oder ein richtiger Unternehmer.