Moderator Hubertus Grass

14.07.2017

War watt? Wie viel Zukunft gehört dem Gas? (Teil 2)

Dies ist Fortsetzung. Den ersten Teil finden Sie hier.

Sozial sensibel: Die Wärmewende im Bestand

Zum anderen hat die Kostenbrille oft einen einseitigen Fokus. Nehmen wir zum Beispiel den Gebäudeenergiesektor. Hier wird in der Regel angenommen, dass wir über den Bestand und den Neubau hinweg in den nächsten drei Jahrzehnten zu einer Effizienzsteigerung von 80 Prozent kommen. Dabei wird übersehen, dass bei den gegenwärtigen Preisen Dämmung nicht selten die kostenintensivste Maßnahme ist. Und auch die Wärmepumpe ist leider kein Allheilmittel, um eine Versorgung mit 100 Prozent erneuerbaren Energien kostengünstig zu erreichen. Gerade im Bestand ist die Umrüstung auf diese Technologie mitunter sehr aufwendig, weil das bestehende Heizungssystem auf höhere Temperaturen ausgelegt ist. Eine optimale Nutzung von Wärmepumpen braucht in der Regel größere Heizflächen, wie sie Fußbodenheizungen liefern. Der Großteil des Bestandes bei den Mietwohnungen besteht jedoch aus gängigen Konvektionsheizkörpern, die für den Mittel- und Hochtemperaturbereich ausgelegt sind.

Gerade im Bestand aber muss die Wärmewende sensibel umgesetzt werden. Die Kostenspielräume sind in den urbanen Zentren schon mehr als ausgereizt, ohne dass wir das Thema Energiewende überhaupt angesprochen geschweige denn berechnet hätten. Wir können es uns auch aus sozialen Gründen nicht erlauben, die vorhandene, meist auf Erdgas angelegte Infrastruktur nicht zu nutzen. Auch bei großzügiger öffentlicher Forderung: Ein Systemwechsel würde am Ende vor allem die Mieter belasten.

Aus Erdgas wird erneuerbares Gas: Klimaschutz ohne Brüche

Der größte Vorteil von Gas ist, dass eine Umstellung des fossilen Energieträgers Erdgas in Richtung eines 100 Prozent erneuerbaren Energieträgers ohne Brüche und fließend möglich ist. Es mangelt nicht an disruptiven Technologien. Dort, wo wie im Mietwohnungsbestand auf die sozialen Gefüge der Gesellschaft Rücksicht zu nehmen ist, sind Systemwechsel meist die schlechtesten aller möglichen Alternativen.
Die alleinige Sektorkopplung über den Strom würde einen nennenswerten Zuwachs beim Verbrauch zur Folge haben. Die Umstellung der Mobilität auf Elektroenergie wird mit ca. 100 TWh per anno zu Buche schlagen. Beim derzeitigen Gesamtverbrauch von 520 TWh  wäre diese Steigerung aber ebenso zu verkraften wie der Zuwachs, der durch den vermehrten Einsatz von Wärmepumpen zu erwarten ist. Agora rechnet mit einer Steigerung der elektrischen Energiemenge pro Jahr von maximal 40 TWh bis 2030.

Die Entwicklung des Strmverbrauchs in Detutschland

Der Stromverbrauch und die Leistungsspitzen werden wachsen

Die Belastung des Systems entsteht nicht durch die Menge des Stroms, sondern durch die Leistung, die abgerufen wird. Allein die zusätzlichen Wärmepumpen würden – folgt man den Berechnungen von Agora – bis zu 20 GW an Leistung abrufen und so die Lastspitzen nach oben rücken. Und das zumeist zu einer Zeit, in der keine solare Strahlungsenergie zur Verfügung steht. Nach getaner Arbeit, wenn das Elektro-Auto in die Garage fährt und den Akku lädt, soll auch das Heim behagliche Wärme ausstrahlen.

Schon heute müssen sich die Strom-Netzbetreiber mit der Frage auseinandersetzen, wie die Stabilität gewährleistet werden kann, wenn die zusätzliche Nachfrage durch Wärme und Mobilität nahezu parallel in den Wintermonaten auftritt. Ein smartes Netz wird den Energiehunger des Elektrofahrzeugs nicht sofort stillen, sondern die Erledigung dieser Aufgabe verschieben – vorausgesetzt dafür liegt die Erlaubnis vor. Wenn gegen 18 Uhr in der Siedlung alle Wärmepumpen nahezu gleichzeitig anspringen, weil die Eigentümer zurück sind, wird die Flexibilität geringer sein.

Sicher ist: Die Sektorkopplung allein über den Strom wird zusätzliche Systemkosten verursachen. Die allgemeine Erhöhung der Lastspitze und regionale Ausprägungen in den Verteilnetzen erfordern Maßnahmen, deren Kosten in einen Vergleich mit der Power-to-Gas-Technologie mit einzubeziehen sind.
Demgegenüber fallen die Kosten für die Erzeugung des Stroms Jahr für Jahr immer weniger ins Gewicht, weil Erneuerbare immer günstiger werden. Vor dem Hintergrund der sinkenden Kosten wird die Frage der Energieeffizienz einer Technologie stets neu und im Einzelfall zu beantworten sein. Ein Energiesystem auf Basis von 100 Prozent wird temporär immer wieder einen Stromüberschuss mit einem Preis nahe Null erzeugen.

Kalte Dunkelflauten machen große Speicher notwendig

Bei aller Euphorie über die Geschwindigkeit, mit der neue Speichertechnologien auf den Markt kommen und bekannte Technologien preiswerter werden, braucht das 100 Prozent erneuerbare Energiesystem der Zukunft größere Speicher als die, die wir in unseren Häusern und Autos verbauen. Die Genossenschaft Greenpeace Energy hat mit einer Studie über die kalte Dunkelflaute die Verwundbarkeit in Erinnerung gerufen. Da kalte Dunkelflauten häufig großflächig auftreten, ist auch eine europaweite Vernetzung kein geeignetes Mittel gegen diesen temporären Energiemangel. Mag der doppelte Wandlungsprozess im Power-to-Gas-Verfahren auch in Zukunft nicht genauso effizient sein wie vergleichbare Technologien, so wird dieser Nachteil durch die bereits heute vorhandenen Gasspeicher und die komplette Infrastruktur mehr als ausgeglichen.

Nach heutigem Wissen kommt ein robustes Energiesystem, das auf den Erneuerbaren beruht, ohne Gas nicht aus. Deshalb wäre es ein fataler Fehler, bei der Sektorkopplung einzig und allein auf den Strom zu setzen. Die nächste Bundesregierung ist gut beraten, auch in der Zukunft über 2030 hinaus mit dem Energieträger Gas zu planen. Zunächst aber brauchen wir in der Förderung von Forschung und Entwicklung weiterhin Technologieoffenheit.

________________________________________________
Bei Euwid-Energie gibt es einen kurzen, guten Überblick über die Nachteile aber auch über die Vorteile von Power-to-Gas.