Redakteurin Christiane Schatzmann (EnBW Energie Baden-Württemberg AG)

09.10.2017

Studie: Neuzulassungsverbot für Verbrenner bedroht Arbeitsplätze

Über 600.000 Beschäftigte wären in Deutschland direkt oder indirekt betroffen, käme es ab dem Jahr 2030 zu einem Neuzulassungsverbot für Autos mit Verbrennungsmotor. Die CO2-Emissionen würden in diesem Fall um 32% gegenüber einem „Business-as-usual-Szenario“ sinken. Das sind die Ergebnisse einer Studie, die das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA) erstellt hat.

Diese Studie mit dem Titel: „Auswirkungen eines Zulassungsverbots für Personenkraftwagen und leichte Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor“ gliedert sich in drei Teile: In Kapitel 2 werden potentielle negative Folgen und Risiken eines solchen Verbots auf die Leistungsfähigkeit und Beschäftigung in der deutschen Industrie untersucht. In Kapitel 3 liegt der Fokus auf den Innovationsanreizen der deutschen Automobilindustrie in den Bereichen Verbrennungsmotor und alternative Antriebstechnologien. Kapitel 4 analysiert schließlich die Umweltauswirkungen eines Zulassungsverbots.

 

Kernaussagen der Studie „Auswirkungen eines Zulassungsverbots für Personenkraftwagen und leichte Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor“.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Auswirkungen auf Beschäftigung und Wertschöpfung

Die Autoren haben mittels einer detaillierten Produktionserhebung im Verarbeitenden Gewerbe die potenziellen Risiken eines Zulassungsverbots von Pkw und leichten Nutzfahrzeuge (Nfz) mit Verbrennungsmotor für Beschäftigung und Wertschöpfung in Deutschland quantifiziert: Direkte und indirekte Abhängigkeiten zusammengenommen beträfe ein Zulassungsverbot schätzungsweise mindestens 620.000 Beschäftigte. Das sind Stand 2015 gut 10% der deutschen Industriebeschäftigung.

Von den 457.000 direkt betroffenen Beschäftigten wären vor allem diejenigen 31.000 besonders bedroht, die in kleinen und mittleren Unternehmen tätig sind. Letzteren dürfte es im Vergleich zu Großunternehmen deutlich schwerer fallen, parallel oder alternativ zur Produktion von Verbrenner-Komponenten auf Produkte und Geschäftsfelder für Elektrofahrzeuge umzustellen. Unter den 163.000 indirekt betroffenen Beschäftigten wären sogar 101.000 in besonderem Maße gefährdet – allen voran bei der schwerpunktmäßig in kleineren Betriebseinheiten erfolgenden Herstellung von Metallteilen für Kfz.

Die Abhängigkeit von der Verbrennungstechnologie sei im Hinblick auf den Wertschöpfungsbeitrag für die deutsche Industrie noch stärker als bei der Beschäftigung: Direkte und indirekte Effekte zusammengenommen wären von einem Zulassungsverbot potenziell knapp 13% der Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie tangiert, was Stand 2015 einem Volumen von 48 Mrd. € entspräche. Gegen einen vollständigen Wegfall der Beschäftigung und Wertschöpfung in den genannten Größenordnungen spräche, dass gewisse Zulieferteile für den Verbrennungsmotor nicht ausschließlich für Pkw und leichte Nfz produziert werden, sondern weiterhin in – vom angedachten Zulassungsverbot wohl ausgenommenen – schweren Nfz (Lastwagen, Omnibusse) einsetzbar seien. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass es im Bereich alternativer Antriebsarten in Deutschland zu einem Beschäftigungsaufbau kommen könne, der den Abbau im Verbrenner-Bereich im Aggregat zumindest teilweise kompensieren würde.

Innovationsanreize in alternative Technologien

Die Autoren kommen im dritten Kapitel „Innovationsanreize in Verbrennungsmotoren und Alternativtechnologien“ zu dem Schluss, dass in der öffentlichen Diskussion die Wahrnehmung verbreitet sei, dass es die Automobilindustrie in Deutschland versäumt habe, technologische Kompetenz in den alternativen Antriebstechnologien aufzubauen. Dies würde als eine innovationspolitische Begründung für ein Zulassungsverbot angeführt. Tatsächlich aber sei der deutsche Anteil an den Patenten der führenden Wettbewerbsnationen im Zeitraum 2010-2015 im Bereich Elektrofahrzeuge mit 34% führend, ebenso im Bereich Hybridfahrzeuge (32%). Darüber hinaus würden sich die Positionen nicht grundsätzlich vom Bereich Verbrennungsmotoren unterscheiden, in dem ein Anteil von 40% erreicht wurde. Bei Verbrennungsmotoren würden zudem mehr als zwei von drei deutschen Patenten auf Verbrauchsreduktion abzielen. Es lasse sich somit nicht konstatieren, dass Anreize zur Investition in alternative Technologien im Vergleich zu den Wettbewerbern gefehlt hätten. Die technologische Basis für alternative Antriebe sei in Deutschland vorhanden und aus innovationspolitischer Sicht sei ein Zulassungsverbot für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren nicht zu begründen. Vielmehr könnte ein Fokus auf Infrastruktur und nachfrageorientierte (Politik-)Maßnahmen die Marktdurchdringung mit innovativen Produkten beschleunigen, so die Autoren der Studie.

Umweltauswirkungen

Die Studie konzentriert sich beim Thema „Umweltauswirkungen“ auf das klimarelevante Treibhausgas CO2. Darüber hinaus wird eine qualitative Abschätzung der Auswirkungen auf lokale Emissionen und den Flächen- und Ressourcenverbrauch vorgenommen. Für den CO2-Ausstoß wurde ein Emissionsprognosemodell der Well-to-Wheel(WTW)-Emissionen von Pkw und leichten Nfz (<3,5t) bis 2050 entwickelt. Die Wirkung eines Zulassungsverbots wurde anhand der Differenz eines Business-as-usual(BAU)-Szenarios und eines Verbotsszenarios berechnet. Für Pkw prognostiziert das Modell einen kumulierten Rückgang der CO2-Emissionen von 32% für den Prognosezeitraum (2030-2050) durch ein Neuzulassungsverbot von Verbrennern ab 2030 gegenüber dem BAU-Szenario. Bereits im BAU-Szenario wird bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu den Emissionen im Jahr 2016 durch technischen Fortschritt und die Zusammensetzung der Fahrzeugflotte ein Rückgang von etwa 53% erzielt. Hinsichtlich lokal wirkender Emissionen seien ähnliche Rückgänge wie bei den CO2-Emissionen zu erwarten. Nachteile für Elektrofahrzeuge ergäben sich vor allem bei der Fahrzeugherstellung durch den höheren Materialeinsatz und den Einsatz bestimmter Materialien in der Batterie, ressourcenseitig beim kumulierten Rohstoffaufwand und Wasserbedarf und umweltseitig durch Versauerung und gesundheitliche Belastungen (Feinstaubemissionen, Humantoxizität).

Die resultierende starke Anpassung bei der Zusammensetzung der Neuzulassungen ab 2030 mache allerdings deutlich, dass die Verbotsmaßnahme einen starken Eingriff in die Produktion und das Wirtschaftsgeschehen darstellen würde: Im ersten Geltungsjahr eines vollständigen Zulassungsverbots für Pkw mit Verbrennungsmotoren müssten statt der ohne ein Verbot prognostizierten knapp 250.000 batterieelektrischen Fahrzeuge mehr als 3,3 Mill. solcher Autos zugelassen werden, um die fehlenden Neuzulassungen bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren zu kompensieren. Dies würde parallel enorme zusätzliche Anforderungen an die Ladeinfrastruktur stellen. Die Intensität des Eingriffs spiegele sich auch in Hinblick auf den zusätzlichen Stromverbrauch wider: Im Jahr 2031 müsste die deutsche Stromproduktion insgesamt aufgrund des Zulassungsverbots um ca. 1,1% zunehmen – und dies CO2-neutral, um die Einsparungsziele für den Energiesektor trotzdem zu erreichen. Bis zum Jahr 2050 steige dann die zusätzliche Stromanforderung aufgrund des Verbots sogar auf 7,6% der Gesamtstrommenge an, was in einem Aufschlag auf den durchschnittlichen Strompreis in Deutschland von ca. 0,5% resultieren würde.

Die Studie können Sie in unserer Energiebibliothek herunterladen.

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Fast als Antwort zu dieser Studie, die der Verband der Automobilindustrie veröffentlichte, erschien ein Arbeitspapier des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, das die Chance der Elektromobilität für den Standort Deutschland in den Fokus rückte. Eine Zusammenfassung dieses Papiers veröffentlichen wir morgen.