Gastautor Dr. Patrick Graichen (Agora Energiewende)

17.02.2014

Die fünf Baustellen der Stromwende

Die Energiewende im Strombereich geht Anfang 2014 in die zweite Phase: Heute stellen die Erneuerbaren Energien – Windkraft, Sonnenenergie, Wasserkraft und Biomasse – bereits ein Viertel der Stromversorgung bereit. Gemeinsam liegen sie somit an Platz 2 der deutschen Stromerzeugungstechnologien, hinter der Braunkohle.

Im nächsten Schritt wird es darum gehen, von 25% auf 50% zu gehen – und somit die Stromversorgung zu dominieren. Dies soll nach dem Willen der Bundesregierung in den nächsten 15 Jahren erfolgen. Hierfür müssen in dieser Legislaturperiode einige zentrale Weichen richtig gestellt werden – im Kern sind es fünf Baustellen, die fertiggestellt werden müssen:

1. Beim Erneuerbaren-Ausbau den Fokus auf Wind und Solar legen:
Von den verschiedenen Erneuerbaren Energien sind Wind (an Land) und Solarenergie die mit Abstand günstigsten Technologien. Der weitere Ausbau sollte sich also auf diese beiden konzentrieren und bei den teureren Technologien – v.a. Biomasse und Offshore Wind – eher langsamer vorgehen. Die jetzt anstehende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, aber auch der für später in der Legislaturperiode geplante Schritt hin zu einem Ausschreibungs-Modell müssen dafür sorgen, dass jedes Jahr etwa drei Gigawatt neue Wind- und Solaranlagen errichtet werden.

2. Endlich ernst machen im Bereich der Energieeffizienz:
Energieeffizienz zahlt sich dreifach aus – jede gesparte Kilowattstunde senkt Brennstoffkosten, reduziert den Bedarf an Kraftwerken und senkt die Notwendigkeit neuer Stromleitungen. Die Koalition hat für 2014 einen Energieeffizienz-Aktionsplan angekündigt, zudem steht die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie in deutsches Recht an. Hier müssen wirksame Maßnahmen beschlossen werden, damit die Energiewende so günstig wie möglich wird.

3. Die Versorgungssicherheit durch ein Marktdesign für fossile Kraftwerke sicherstellen: Versorgungssicherheit ist in Deutschland ein sehr hohes Gut – wir haben im europa- und weltweiten Vergleich extrem niedrige Stromausfallzeiten. Damit das so bleibt, muss das Strommarktdesign so geändert werden, dass auch in Knappheitssituationen immer genügend Kraftwerke sicher verfügbar sind. Gleichzeitig darf dies mit Blick auf die Stromkosten nicht dazu führen, dass jetzt alle Kraftwerke ein Zusatz-Entgelt erhalten. Denn: Stilllegungsbedroht sind aufgrund der derzeitigen Marktsituation nur die Gaskraftwerke. Hier bedarf es insofern eines klugen, kostenbewussten und auch die Stromnachfrager über Lastmanagement einbeziehenden Instruments.

4. Netze bedarfsgerecht ausbauen: Wenn wir unser Erzeugungssystem umbauen wollen, dann werden wir auch neue Leitungen brauchen. Denn in Süddeutschland gibt es einen hohen Stromverbrauch, der aber nicht vor Ort durch kostengünstige Windanlagen gedeckt werden kann – und allein auf Sonne oder Biomasse zu setzen, wird nicht reichen bzw. wäre (u.a. wegen der notwendigen Stromspeicher) extrem teuer. Es ist aber derzeit nicht klar, ob tatsächlich jede der von den Netzbetreibern geplanten Leitungen gebraucht wird. Hier wäre ein transparenter, verschiedene Szenarien umfassender und alle Akteure von Anfang an einbindender Planungsprozess notwendig.

5. Die Energiewende europäisieren:
Viele unserer Nachbarn verfolgen die Energiewende in Deutschland mit Skepsis – und sind doch über den internationalen Stromhandel eng mit ihr verwoben. Gleichzeitig können die für 2030 geplanten EU-Klimaschutzziele gar nicht anders realisiert werden als mit einem europaweiten Boom der Erneuerbaren Energien – denn diese sind viel schneller zu realisieren und zudem viel günstiger als neue Kernkraftwerke oder Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung (CCS). Es ist insofern dringend nötig, dass Deutschland im Dialog mit seinen Nachbarländern gemeinsame Wege hin zu mehr Erneuerbaren Energien und einem hohen Niveau von Versorgungssicherheit findet.

Wenn sie diese fünf Baustellen ordentlich managt und voranbringt, dann kann der großen Koalition im Bereich des großartigen Generationenprojekts Energiewende wahrhaft Großes gelingen. Wenn nicht, wird es 2017 sehr schwer werden, die verschiedenen Bruchstücke wieder zusammen zu fügen. Eine Einbindung der Bundesländer, der Kommunen und der Zivilgesellschaft sind dabei für ein erfolgreiches Gelingen unerlässlich.