Gastautor Dr. René Mono (Bündnis Bürgerenergie e.V.)

12.05.2014

Energiewende mit Bürgerenergie ambitioniert fortsetzen

Hermann Scheer, einer der Pioniere und Vordenker der Energiewende, hat gerne vom Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) als Instrument zur Demokratisierung des Energiesystems gesprochen. Er hatte recht. Dies zeigen die Blüte der Bürgerenergie, die wir zurzeit erleben, und insbesondere der Boom der Bürgerenergiegenossenschaften.

In Deutschland gibt es fast 900 Bürgerenergiegenossenschaften. Jeden dritten Tag wird momentan eine neue Energiegenossenschaft gegründet. Mit Fug und Recht gelten Genossenschaft als die demokratischste Form eines Unternehmens.

Besonders bei Bürgerenergiegenossenschaften, aber auch bei anderen Bürgerenergiegesellschaften wie Bürgerwindparks zeigt sich eine weitere Besonderheit: Ausschlaggebendes Investitionsmotiv der Gesellschafter ist weniger die erwartete Rendite. Vielmehr geht es den Menschen darum, selbst die Verantwortung für Klimaschutz und das Gelingen der Energiewende zu übernehmen. Zweitwichtigstes Motiv ist die Aufwertung der eigenen Region.

Solange das EEG ihre Investitionen abgesichert hat, waren diese ehrbaren Motive der Bürgerinnen und Bürger stark genug, um die Energiewende dynamisch voranzutreiben.

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Heute ist Bürgerenergie der Marktführer der Energiewende. Fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom wird in Deutschland mit Anlagen produziert, die Bürgerinnen und Bürgern gehören. Über 34 Gigawatt oder 47 Prozent der bis Ende 2012 installierten Leistung zur Stromproduktion aus Erneuer­baren Energien sind in Bürgerhand.  Viel spricht dafür, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung aus diesem Grund den Ausbau von Erneuerbaren Energien nach wie vor eindeutig unterstützt.

Deshalb muss Bürgerenergie aus Sicht des Bündnis Bürgerenergie e.V. im Zentrum der Energiewende-Politik stehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Statt eine Dezentralisierung der Marktstrukturen einzuleiten, die der dank der Bürgerenergie erreichten Akteursvielfalt entspricht, setzt die Bundesregierung auf einen zentralen Markt. Nach ihrem Willen sollen weiterhin wenige große Unternehmen die Macht beim Stromhandel haben. Dass dies weder der dezentralen Verteilung der Erneuerbaren-Energie-Anlagen, noch den Möglichkeiten der Bürgerenergie noch dem Wunsch der Verbraucher entspricht, ist ihr scheinbar egal. Nur so ist die einseitige Festlegung auf die Marktprämie und Ausschreibungen zu verstehen.

Unsere Sicht auf den künftigen Strommarkt ist eine andere: Bürgerenergie-Akteure, kleinen und mittel­stän­dischen Marktteilnehmern wie Stadt- und Gemeindewerken muss der Zugang zum Strommarkt erhalten bleiben. Hohe Investitionsrisiken, die eine Refinanzierung von Energieprojekten unmöglich machen, und hohe Hürden für den Markteintritt sind zu vermeiden.

Dezentralen Ausbau zur bedarfsgerechten Stromerzeugung fördern 

Dabei sollte auf Dezentralität gesetzt werden. Erneuerbare Energien sind überall in Deutschland verfügbar. Daraus ergibt sich ein unschlagbarer Vorteil: Erneuerbare Energien können verbrauchsnah Strom erzeugen. Die regionale Vermarktung Erneuerbarer Energien entspricht daher ihrer Natur und ist die logische Form ihrer Nutzung. Eine effiziente Kopplung von Erzeugung und Verbrauch von Ökostrom ist vor allem in dezentralen Märkten mit einem breiten Technologiemix möglich. Zahlreiche Energiegenossenschaften und andere Bürgerenergie-Akteure haben in den letzten Monaten an hochinnovativen Geschäftsmodellen in diesem Bereich gearbeitet und auch erfolgreich in die regionalen Märkte eingeführt. Die EEG-Novelle gefährdet nun deren Existenz.

Das Bündnis Bürgerenergie e.V. setzt sich daher für ein Marktdesign ein, das dem dezentralen Charakter der Erneuerbaren Energien entspricht und den energiewirtschaftlichen Paradigmenwechsel vollzieht: Im Mittelpunkt steht nicht mehr alleine die Erzeugung von Erneuerbaren Energien, sondern auch die Nachfrage nach (regionalem) Grünstrom. Zwischen Erzeugern und Verbrauchern erwächst eine direkte Beziehung. Letztere nutzen selbst erzeugten regenerativen Strom und beziehen ihren Grünstrom unmittelbar aus ihrer Umgebung. Das EEG sollte daher den Weg zu einer echten Direktversorgung – z.B. durch Eigenverbrauch, Direktverbrauch und Direktbelieferung eröffnen.

Bürgerenergie wird sich nur dann dynamisch weiterentwickeln, wenn die Förderung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien den besonderen Anforderungen kleiner und regionaler Projekte gerecht wird. Nur so bleibt eine vielfältige Akteursstruktur im Energiemarkt erhalten. Und nur so wird die Akzeptanz und Dynamik der Energiewende gewahrt.

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