Gastautor Niels Schulz (Enerlytics)

16.11.2015

Hartz IV für Kraftwerke

Vergangene Woche hat das Bundeskabinett laut Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die „größte Reform des Strommarktes seit der Liberalisierung der Energiemärkte in den 90er Jahren“ beschlossen und den „Strommarkt fit für das 21. Jahrhundert“ gemacht. Bezüglich der verabschiedeten Sicherheitsbereitschaft, die aus acht Braunkohleblöcken besteht, sollten die Aussagen des Ministers – nämlich dass es „kein Hartz IV für Kraftwerke“ geben wird und dass nur Kraftwerke berücksichtigt worden sind, die noch nicht zur Stilllegung vorgesehen waren – noch einmal genauer beleuchtet werden.

Hartz IV für Kraftwerke

Es fällt auf, dass die Überführung mit einem relativ jungen Kraftwerk beginnt, nämlich Buschhaus der Firma Mibrag. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der letzte verbliebene Tagebau des Helmstedter Reviers (Schöningen Süd) das Kraftwerk sowieso nur noch bis voraussichtlich 2017 mit Braunkohle versorgen kann.
In den darauf folgenden Jahren werden RWE Kraftwerke mit einem Alter zwischen 47 und 52 Jahren und die beiden jüngeren Blöcke F und E von Vattenfall in Jänschwalde in die Sicherheitsbereitschaft überführt. Die Blöcke F und E sind übrigens die neuesten von insgesamt sechs Blöcken am Standort.
Zum Kraftwerk Jänschwalde lässt sich anmerken, dass der Tagebau dort voraussichtlich bis 2019 ebenfalls ausgekohlt ist, dass Vattenfall seine Braunkohlesparte lieber heute als morgen verkaufen will und dass die Realisierung des geplanten Tagebaus Jänschwalde-Nord unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen noch völlig offen ist.
Wenn man nun noch in der aktuellen Kraftwerksstilllegungsanzeigenliste der Bundesnetzagentur nachschaut und das Durchschnittsalter kürzlich endgültig stillgelegter Kohlekraftwerke wie zum Beispiel Mumsdorf, Walsum 7 , Herne 2, GKM 3 und 4, Scholven D, E und F und Knepper C berechnet, liegt das typische Renteneintrittsalter von Kohlekraftwerken bei ungefähr 47 Jahren – also ziemlich genau dem Alter der RWE-Blöcke in Frimmersdorf, Niederaußem und Neurath, bevor sie für vier weitere Jahre in Bereitschaft gehen.
Die vereinbarte Sicherheitsbereitschaft durch Braunkohlekraftwerke, die 2018 übrigens erneut „evaluiert“ werden soll, ist so überflüssig wie ein „Hosenträger zusätzlich zum Gürtel“ und mit 1,6 Mrd. Euro sehr teuer erkauft. Dass diese Vereinbarung Teil der größten Reform seit der Liberalisierung des Strommarktes sein soll, kann man glauben – muss man aber nicht.

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Anmerkung der Redaktion:
Der Autor ist langjähriger professioneller Beobachter des Kraftwerkemarktes und Herausgeber des Branchennewsletters „Kraftwerke Invest“, einem Marktmonitor für den deutschen Kraftwerkesektor. Zusätzlich betreibt er die Seite „Enerlytics“ mit Informationen für die deutsche Energiewirtschaft.