Redakteurin Johanna Kick (EnBW Energie Baden-Württemberg AG)

10.08.2015

Energiewende aktuell: Wie viel Dezentralität ist möglich und nötig?

Kurz vor Beginn der baden-württembergischen Sommerferien lud die Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg zu ihrem jüngsten Debattenabend. Thema des Abends war kein Geringeres als die Frage danach, wie viel Dezentralität die Energiewende verträgt. Das Thema sowie die Auswahl der Referenten machten aus der Veranstaltung einen sehr willkommenen Termin für uns als Blogredaktion.

Mit dem energiepolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, Paul Nemeth, der Landesvorsitzenden des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Brigitte Dahlbender, dem geschäftsführenden Gesellschafter der Beratungsgesellschaft Consentec, Christoph Maurer, der als Sachverständiger für den Bundestag, Landesparlamente und die Bundesnetzagentur tätig ist, sowie dem Leiter des Geschäftsbereichs Erzeugung und Betrieb der EnBW, Georgios Stamatelopoulos, war bereits im Vorfeld von einer durchweg kontroversen Diskussion auszugehen. Moderiert von der Wissenschaftsjournalistin Jeanne Rubner hielt der Abend, was er versprach.

EnBW - Stiftung am Flughafen "Wieviel Dezentralität vertägt die Energiewende?"  150723_wl_enbw_#### Foto: copyright Wolfgang List - 23.07 .2015 Mobil 0172-7107756 Veröffentlichung nur mit "Foto Wolfgang List" als Bildunterschrift und Zusendung eines Belegexemplares

Diskutierten beim Debattenabend die Herausforderungen durch den Ausbau erneuerbarer Energien (v.l.): Christoph Maurer, Brigitte Dahlbender, Paul Nemeth, Georgios Stamatelopoulos sowie Moderation Jeanne Rubner. (Foto: W. List)

Zentralisierung steigert Effizienz
Den Einstieg machte der CDU-Politiker Paul Nemeth. Er sehe derzeit in erster Linie technologische Gründe als Ursache für die Ausrichtung der Energiewende in dezentralen Strukturen. Die Leistung von Windrädern und ganz besonders die der zahlreichen Fotovoltaikanlagen auf deutschen Dächern sei einfach nicht mit der konventioneller Anlagen vergleichbar. Diese Struktur müsse aber nicht auf alle Zeit so bleiben, denn die Frage nach der Effizienz sei unerlässliche Voraussetzung für bezahlbare Energiepreise. Mit Blick in die Zukunft gehe er folglich auch von einem erneuten Trend zur Zentralisierung bei der Energieproduktion aus. Diese führe zu den notwendigen Skaleneffekten, so Nemeth. Neben dem Umbau der Produktion stelle der intelligente Netzausbau eine zentrale Herausforderung dar. Dezentralität setze hier unausweichlich ein zentral gemanagtes System voraus. Mit neuen Schüben müsse Zeit, die man in den letzten Jahren in Deutschland verschlafen habe, aufgeholt werden, so sein Appel.

Dezentralität ist Basis der Energiewende
Für die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender hätte das Thema des Debattenabends eigentlich lauten müssen: „Wie viel Zentralität verträgt eine erfolgreiche Energiewende“, denn die Basis der Energiewende seien ganz klar dezentrale Strukturen. Diese seien es auch, die die Voraussetzung für die noch immer hohe Akzeptanz der Bevölkerung für den schnellen Ausbau der Erneuerbaren bilden. Bislang wurden, so Dahlbender, erneuerbare Energien einfach in das bestehende System integriert. Inzwischen sei man an einem entscheidenden Punkt angelangt. Die Zukunft erfordere ein neues Strommarktdesign, eine Anpassung des Energiemarktgesetzes und vor allem eine Anpassung des KWK-Gesetzes. Hier sei die Politik gefordert, den Aufbau der regionalen Strukturen so zu steuern, dass die KWK weiter ausgebaut werde. Entscheidend für eine erfolgreiche Energiewende sei aber vor allem mehr Energieeffizienz und eine deutliche Verringerung des Energieverbrauchs.

Kostentransparenz zwingend notwendig
Die derzeit in Deutschland praktizierte Energiewende ist in den Augen von Christoph Maurer eine hochgradig zentrale. Gleichzeitig halte er eine dezentrale Energiewende für technisch machbar. Die viel entscheidendere Frage sei, ob wir uns eine dezentrale Energieversorgung leisten wollen. Für ihn bestehe die Herausforderung darin, die Gesamtkosten transparent darzustellen. So sei es auf absehbare Zeit die günstigste Lösung, an den jeweils besten zentralen Standorten vor allem Windkraftanlagen und entsprechende Leitungsnetze zu bauen, um Produktion und Verbrauch miteinander in Einklang zu bringen. Jemand, der eine Fotovoltaikanlage auf seinem Dach installiert und eventuell auch in Speichertechnologie investiert habe, könne theoretisch seinen Strombedarf decken. Er werde jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so weit gehen, sein Haus vom öffentlichen Netz zu trennen, das er möglicherweise an windstillen Winterabenden noch brauche. Damit verursache er aber ähnliche Kosten, wie derjenige, der das vorhandene System täglich nutze. Ob der Weg tatsächlich in Richtung Zentralität geht, sei für Maurer eine Abwägungsfrage. Er plädiere dafür, zunächst Transparenz über die Kosten zu schaffen, dann über die Alternativen zu reden und erst dann über den richtigen Weg der Energiewende zu entscheiden.

Energiewende ist technisch machbar
Georgios Stamatelopoulos ging in seinem Beitrag auf die zentralen Herausforderungen der Energiewende und die Möglichkeiten der Energieversorger, diese zu bewältigen, ein. Er machte dazu deutlich, dass bei einem Stromverbrauch in Spitzenzeiten von 85 Gigawatt in Deutschland bereits heute die doppelte Leistung installiert sei. Gleichzeitig zeigte er das Dilemma auf, dass Energieversorger, wie die EnBW, trotz vorhandener Überkapazität ältere Anlagen aufgrund von Systemrelevanz nicht stilllegen dürfen.

Insgesamt seien die mit der Energiewende verbundenen Probleme technisch lösbar, es gelte aber, vier Herausforderungen zu bewältigen. Erstens, die installierte Leistung: Bis ins Jahr 2030 werden die Überkapazitäten noch deutlich zunehmen, deshalb sei eine Erweiterung sowohl der Transport- als auch der Verteilnetze erforderlich. Zweitens, die Regelung des Systems für eine sichere Versorgung: In der „konventionellen Welt“ werde das Netz mit Schwungmassen mechanisch geregelt. In Zukunft werden dafür Wechselrichter eingesetzt, zur Regelung sei ein digitales Netz erforderlich. Drittens, die Masse der Erzeugungsanlagen: In Zukunft müssen über eine Million Erzeugungsanlagen sowohl bei der Leistung als auch für die Stabilität des Netzes geregelt werden. Eine kurzfristige Nachrüstung sei nicht mehr machbar. Die Anforderungen müssen deshalb langfristig vorausschauend entwickelt und verankert werden. Viertens, ein Netz, das alle Erzeugungssituationen meistern kann. Laut Stamatelopoulos haben die Energieversorger folgende Möglichkeiten diese Herausforderungen zu bewältigen: Lastmanagement, die konsequente und großflächige Abregelung, die Speicherung und die Transformation von überschüssiger Energie aus den Verteilnetzen an die Transportnetze. An allen vier Möglichkeiten werde bei der EnBW gearbeitet.

Der Termin für den nächsten Debattenabend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg steht übrigens schon fest: Am 17. September 2015 dreht sich die Diskussion um die anstehende UN-Klimakonferenz in Paris. Für die Leser des Energiewendeblogs wird es wieder einige Plätze geben. Mehr Detailinformation folgen rechtzeitig.