Moderator Hubertus Grass

13.07.2017

War watt? Wie viel Zukunft gehört dem Gas? (Teil 1)

In der letzten Woche haben wir einen Beitrag von Alexander Land über einen Appell der Gaswirtschaft an die Politik veröffentlicht. Offenbar fürchten die Unternehmen, dass die Zukunft des Energiesystems langfristig ohne den Energieträger Gas geplant werden könnte. In gleicher Richtung scheint Greenpeace Energy zu denken. Mit einer Studie wies der Ökostromanbieter dieser Tage nach, dass die vorhandene Gasinfrastruktur und vor allem die großen Speicherkapazitäten unverzichtbar sind, um bei Extremwetterlagen die Verlässlichkeit der Energieversorgung zu garantieren. Worauf zielen die Anstrengungen der Gaswirtschaft ab? Hat Gas eine Zukunft in einem Energiesystem, das zu 100 Prozent dekarbonisiert ist?

Klimaschutz funktioniert im ersten Schritt mit Erdgas

Mittelfristig, darin sind sich alle Analysten einig, wird sich der Anteil von Erdgas am Energieverbrauch erhöhen. Durch den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung und die Abschaltung der letzten Atomkraftwerke wird die Bedeutung von Gaskraftwerken im Stromsektor wachsen. Zudem kann der Fuel-Switch von Kohle zu Gas bis zu 50 Prozent Die Zukunft ist CO2-freiCO2-Emissionen einsparen und somit zum Erreichen der Klimaschutzziele beitragen. Laut Klimaschutzplan der Bundesregierung muss der Stromsektor bis 2030 eine CO2-Reduktion von über 175 Millionen Tonnen bringen. Das verlangt zwingend nach der Kombination von Kohleausstieg und einer parallelen Erhöhung des Backup-Potenzials der flexiblen Gaskraftwerke.
In der Industrie steht eine Reduktion bis 2030 um weitere 140 Millionen Tonnen CO2 an. Auch das wird nur durch den verstärkten Einsatz von Erdgas möglich sein. Und auch im Gebäudesektor geht es nicht ohne Erdgas. Die Studie von Agora Energiewende zur Wärmewende bis 2030 prognostiziert einen Gasanteil von 40 Prozent im Sektor Gebäudeenergie.

Ist die Zukunft von Gas befristet?

Aber wie geht es weiter in den Jahren nach 2030? Wird das goldene Zeitalter für den Energieträger Gas nur von kurzer Dauer sein? Denn obwohl die Klimabilanz von Erdgas wesentlich besser ist als die von Kohle und Öl, bleibt Erdgas ein fossiler Energieträger. Deshalb wird die Renaissance von Erdgas oder CNG nur eine kurze sein. Wie aber steht es um die klimaneutrale Verwandtschaft? Spielt die Option Wind- oder Ökogas (Power-to-Gas/Liquid-Techniken) in den Zukunftsszenarien über 2030 hinaus noch eine Rolle?
Folgt man den Einschätzungen der Deutschen Energieagentur braucht sich die Gaswirtschaft um ihre Zukunft nicht zu sorgen. In der Studie der Dena heisst es: „Power to Gas ist die einzige heute verfügbare Technologie, die sowohl eine Langfristspeicherung von erneuerbarem Strom ermöglicht als auch dessen Nutzbarmachung in allen anderen Energieverbrauchssektoren. Beides ist im Kontext des Pariser Klimaschutzabkommens besonders wichtig.“


Die Zukunft der WärmewendeAufgrund der zurzeit noch hohen Kosten sehen andere Studien langfristig die Power-to-Gas- Technologie eher auf dem Abstellgleis. Agora sieht in der Mitte dieses Jahrhunderts eine Gebäudewirtschaft, deren Energiebedarf vorrangig durch Strom (Power-to-heat) gedeckt wird. Schon für 2030 wird eine sogenannte „Wärmepumpenlücke“ von vier Millionen Stück prognostiziert. (Studie Agora zur Wärmewende 2030) In diesen Modellen bedeutet Sektorkopplung  ausschließlich eine Vollelektrifizierung der Bereiche Wärme und Mobilität. Für erneuerbares Gas, wie es gegenwärtig vielfältig erprobt und auch angewendet wird, gibt es in diesen Modellen keinen Platz.

Erste Vorentscheidungen bei der Regierungsbildung in diesem Jahr

Bislang ist bei der Wärmewende noch nicht allzu viel passiert. Doch wenn Deutschland seinen Teil dazu beitragen will, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens in reale Politik umzusetzen, dann muss die nächste Bundesregierung liefern. Dann sind Weichen zu stellen für das Energiesystem der Zukunft. Und diese Vorentscheidungen können gravierende ökonomische Auswirkungen für die Konsumenten, aber auch für die Energiewirtschaft haben. Deshalb wird die Frage nach der Zukunft der Gasversorgung im gegenwärtigen Bundestagswahlkampf zur rechten Zeit in die Debatte geworfen.

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Den zweiten Teil des Beitrages finden Sie hier.